Bedürfnisbingo – Leben mit Kindern eben

Bedürfnisbingo Runzelfuesschen

Bedürfnisbingo, so nenne ich das, was alle meine Familienmitglieder so an Bedürfnissen jeden Tag haben. Ein bisschen sieht dieses Bedürfnisbingo in meinem Kopf so aus wie kleine Vögel in einem Nest, die die ganze Zeit nach Futter rufen und die Eltern flattern drum herum, bringen Wurm um Wurm und das Geschrei hört nicht auf. Dieses Bild ist für mich der Inbegriff meiner Bedürfnisbingo-Wortschöpfung und doch ist es eigentlich viel mehr.

Denn es varriert, es sind unterschiedliche Dinge, die jede*r einzelne braucht, es ist immer anders. Gerade komme ich mit dem Bedürfnisbingo von uns fünf Menschen nicht besonders gut zurecht.

Ich bin zur Zeit sehr erschöpft und kann eigentlich gar nicht richtig sagen warum. Es sind viele Anforderungen von außen dabei, von der Kita, von Auftrag- und Arbeitgebern, auch von Ansprüchen an mich selbst.

Jedenfalls habe ich einen Tweet verfasst, in dem ich über meine Erschöpfung und das Bedürfnisbingo von uns fünf Personen hier Zuhause sprach. Danach geschahen zwei Dinge:

Zum einen wurde diese Tweet über 1400 Mal geliked und ich nehme an, dahinter steckt, dass sich andere darin wiedererkannt haben. Ich bekam auch sehr viel Mut und Unterstützung zugesprochen, was toll ist und zeigt, dass wir alle in einem Boot sitzen. (Um das an der Stelle vielleicht noch mal klar zu schreiben, mein Tweet hatte keine Intention, auch wenn das oft vermutet wird. Es war ein Gedanke, ich habe ihn geäußert, der Rest hat mich leicht überrascht.)

Wo ist der Mann?

Und das zweite was passierte, zeigte das genaue Gegenteil von Unterstützung. Ich habe sehr sehr sehr (sagte ich schon sehr?) viele Nachrichten bekommen, per Mail, Direktnachricht oder als Kommentar, dass bei fünf Personen, von denen drei Kinder sind, ja noch eine zweite erwachsene Person vorhanden sein müsste. Die könnte mir doch die Lasten abnehmen, oder mich zumindest unterstützen.

Bedürfnisbingo: Selbst Schuld!

Und vielleicht, wurde da gemutmaßt, sei ich ja auch nicht ganz unschuldig an diesem Bedürfnisbingo, Wenn ich mich nun von all meinen Familienmitgliedern ausnutzen lasse, dann bin ich halt selbst Schuld. Mein Mann könnte ja mithelfen, wenn ich ihn dazu nicht auffordere, dann soll ich mich nicht beschweren. Die Kinder müssen mehr eingebunden werden, dann hört das Bedürfnisbingo gleich sowieso auf.

Ich bin allen dankbar, die sich dafür einsetzen, dass Mental Load und Care-Arbeit sichtbar werden. Es ist wichtig, dass wir alle immer wieder klar machen: es braucht das Dorf. Wenn das nicht da ist, dann wenigstens den/die Partner*in. Aber, und das ist ein großes aber: man kann auch erschöpft seine trotz Partner*in.

Mental Load trifft auf Bedürfnisbingo

Es ist ja nicht automatisch so, dass nur weil der/die andere die Lasten mitträgt, alles total einfach wird. Das Bedürfnisbingo bleibt. Es verteilt sich auf zwei Schultern, aber es bleibt. Natürlich ist Mental Load ein Riesenthema, aber das allein löst kein Problem. Es ist wichtig, dass wir Eltern uns bewusst sind, dass wir die Last nicht allein tragen müssen, dass wir unsere Familienangehörige in Prozesse einbinden können. Zusammen ist man weniger allein und zusammen unterstützt es sich besser. Das stimmt, aber es ist eben nicht die Lösung für alle Probleme.

Wir sind gleichberechtigt

Mein Mann und ich diskutieren viel, es fühlt sich immer mal jemand gerade übergangen und überfordert. Dann justieren wir nach. Im Großen und Ganzen bekommen wir das sehr gut hin die anfallenden Arbeiten fair aufzuteilen. Mein Einjähriger ist schlicht zu klein um bei irgendwas zu unterstützen, der Vier- und die Sechsjährige helfen im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Wir machen es beinahe bilderbuchartig und doch bleibt das Bedürfnisbingo.

Das geht nämlich nicht weg, egal wie gut wir uns aufteilen. Manchmal kann ich das Geschrei und Gemeckere und Gemotze nach irgendwas gut ertragen. Zur Zeit eben nicht. Ich bin erschöpft von allem, da hilft mir kein Tipp, ich möge doch mal eine Nacht im Hotel verbringen, dann würde meine Familie schon dankbar sein. Wir sind alle dankbar, dass wir uns haben, aber die unterschiedlichen Bedürfnisse von fünf Menschen nach Ruhe, Nähe, Abgrenzung, Zusammenkunft, die bleiben doch.

Bedürfnisbingo: Was brauche ich?

Ich solle meine Prioritäten richtig setzen, wurde mir empfohlen. Den Haushalt links liegen lassen, meinen Beruf aufgeben (hat übrigens über meinen Mann niemand geschrieben!), ist doch nicht so schwer. Ich kann da nur müde lächeln, weil es für mich sehr schwer ist. Nicht immer, natürlich nicht. Nichts im Leben ist immer nur schwer. Aber gerade ist es zuviel.

Ich habe mich bei unserem Bedürfnisbingo hier übrigens, angeregt durch einige Nachrichten, gefragt, was meine eigenen Bedürfnisse eigentlich sind. Sie sind banal: Schlafen (ich schlafe durch all den Stress der letzten Wochen nur vier Stunden pro Nacht, und die auch nicht am Stück) und Zeit in der mal niemand nach mir ruft. In der ich nicht irgendwas abarbeite, nicht für irgendwas oder irgendwen zuständig bin, in der ich nicht dröflzig (elementare) Bedürfnisse nach frischer Windel, Essen, Nähe und Vorlesen gleichzeitig höre.

Jede*r hat unterschiedliche Bedürfnisse

Ich habe auch das Gefühl, dass das Bedürfnisbingo sich in den letzten zwölf Coronawochen extrem verschärft hat. Weil die Kinder verunsichert sind und sich dann noch stärker an uns Eltern klammern. Wir sind der Fels in der Brandung. Mein Wackelzahnkind geht ab August in die Schule, wir können ihr nichts dazu sagen, weil wir es selbst nicht wissen. Das macht ihr Sorgen, das führt zu sehr laut vorgetragenen Bedürfnissen, die wir auffangen müssen. Der Mittlere wünscht sich Zeit mit einem Elternteil ohne die Geschwister, kann ich verstehen, aber kann ich nicht umsetzen. Weil immer jemand da ist.

Bedürfnisbingo lässt sich nicht wegorganisieren

Bedürfnisse lassen sich nicht einfach so wegorganisieren, wir erzählen unseren Kindern doch immer wieder, dass sie sagen sollen, was sie brauchen. Deswegen betrachte ich die unterschiedlichen Bedürfnisse, priorisiere sie nach Dringlichkeit und bin erschöpft. Aber es gibt aus diesem Bedürfnisbingo schlicht keinen Ausweg. Vielleicht sollten wir mehr darüber sprechen, was das mit uns als Menschen macht.

Macht mit, erzählt von eurem Bedürfnisbingo

Deswegen, schon beinahe oldschool, starte ich eine „Blog“ Parade. Wer keinen Blog hat, hinterlässt einen Kommentar, einen Tweet, einen Link zum Insta- oder Facebookpost. Wie auch immer ihr mitmachen wollt, ich freue mich drauf. Markiert mich, ich bin in den gängigen sozialen Medien vertreten und erzählt vom Bedürfnisbingo in eurer Familie. Nutzt den #Bedürfnisbingo, dann finde ich die Beiträge.
Was macht euch zu schaffen? Wie bekommt ihr alles unter einen Hut? Wie kommt ihr zurecht und wie geht es euch? Ich bin gespannt auf all eure Geschichten!

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