Gastpost: Mein Leben mit Migräne

Heute mal wieder ein Gastpost zum Thema: Mein Leben mit Migräne. Die liebe Laura schreibt über ihr Leben mit Migräne und kleinen Kindern. Und sie hat auch den ein oder anderen Tipp für euch.

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Wenn sie mich besuchen kommt, diese ungeliebte, alte Bekannte, merke ich es meist schon morgens in der Früh, wenn ich von einem dumpfen Gefühl im Kopf geweckt werde. Es fühlt sich schwer an,
als hätte sich ein dickes Etwas mit seinem massigen Hinterteil auf meinen Schädel gesetzt. Ich ahne es schon, denn Fräulein Migräne ist im Anmarsch und hat ihr ganzes Gepäck dabei: ein höllisches Pochen in den Schläfen, ein fieser Druck in der Nackengegend, eine Matschbirne und  Schmerzen hinter den Augen. Und das ausgerechnet heute! Jimmy macht einen Kindergartenausflug und ich müsste seine Vesper-Tasche packen, vormittags wartet der Schreibtisch mit Aufträgen, nachmittags hat Luise einen Kinderarzttermin und abends findet eine wichtige Chorprobe statt.
Aber Frau M. kommt dann, wenn es IHR passt. Ich wecke Anton und bitte ihn, die Kinder fertig zu machen, weil ich mal wieder Kopfschmerzen habe. Ausgerechnet heute, denkt auch er. Sein Terminkalender ist genauso voll wie meiner, sein  erstes Meeting beginnt um neun Uhr.

Ich nehme Paracetamol, lege mir ein Kühlkissen auf die Stirn und dämmere vor mich hin. Der Tag wird grauenhaft, da bin ich mir sicher. Und wenn ich Pech habe, geht es morgen so weiter, denn der Besuch bleibt gerne länger. Migräne ist ein richtig ätzendes Leiden. Klar, es gibt weitaus schlimmere und ernstere Krankheiten, immerhin sind Leib und Leben nicht bedroht. Aber es ist eine extrem nervige Begleiterscheinung meines Lebens und das besonders, seitdem ich Kinder habe.

„Die hat mal wieder Migräne.“ 

Früher waren es nur dumme Sprüche oder eine gehobene Augenbraue. Das Verständnis für diese Art von Kopfschmerz ist nicht selbstverständlich, zumal es ja gerne als Ausrede benutzt wird. Aber mit Unterstellungen kann ich mittlerweile leben, denn nun habe ich ganz andere Probleme. Zwei Kinder warten darauf, von mir versorgt zu werden, und haben natürlich kein Verständnis dafür, wenn ich mich am liebsten zwei Tage im dunklen Zimmer verkriechen möchte. Dazu kommt, dass der Alltag als Mama echt anstrengend sein kann und ich mich andauernd bücken muss: Sachen aufheben, Schuhe zubinden, auf Augenhöhe kommunizieren – ständig gehe ich in die Knie und in meinem Kopf hämmert es, als wäre ein Presslufthammer im Einsatz. So schleppe ich mich mit Schmerztabletten, haufenweise Espresso und einem Blick wie Dracula durch den Tag. Turnen, Spieletreffs, Ausflüge und Einladungen werden kurzfristig abgesagt und wir verbringen den Tag gemeinsam auf dem Sofa. Lesen, gucken eine Runde Janoschs Traumstunde oder bauen ein Legohaus – alles am besten ganz leise.

Manchmal kommt das fiese Fräulein aber nicht über Nacht, sondern überrascht mich bei der Arbeit. Sie ruft nicht etwa an; nein, ich bemerke ihr Kommen, weil ich auf einmal die Schrift auf dem PC nicht mehr lesen kann. Überall flirren kleine Lichtblitze durch mein Word-Dokument und ich weiß sofort, was mir bevor steht. Manchmal kann ich dann nicht mehr richtig sprechen. Als mir das das erste Mal passierte, glaubte ich an einen Schlaganfall. Die Kopfschmerzen setzen eine halbe Stunde später ein, darauf kann ich mein gesamtes Hab und Gut verwetten. Also schalte ich den Computer aus, denn an Arbeiten ist nicht mehr zu denken. Ich schlage Alarm bei Mann und Eltern und bitte um Hilfe.

Es gibt auch andere Treffen mit Frau M. Gerne begegne ich ihr, wenn das Wetter wechselt. Von Sonne auf Regen, Schnee auf Graupel, schwüler Hitze, die auf Föhnwind folgt. Ich brauche keinen Wetterbericht, ich habe meinen eigenen Frosch im Hirn. Der trommelt erst leise, wird dann immer lauter und verkündet, während er mit dem Hammer in der Hand gegen meine Stirn klopft, dass es heute Abend ein Gewitter gibt. Prima, denke ich, ausgerechnet heute sind wir bei Freunden zum Grillen eingeladen. Anton nimmt das Telefon in die Hand und sagt ab. „Laura hat Migräne“. Ich lege mich hin und bin beleidigt mit der Welt.

Die Ursache liegen in meinem genetischen Erbe. Ob Opa, Onkel, Mutter, Schwester – wir alle haben dieses Leiden, und jeder in einer anderen Form. Onkel Marius hat es selten, aber heftig. Er liegt dann im Dunkeln und ihm ist furchtbar übel. Meine Mutter hat es oft, aber mit einer Dusche und einem Becher Kaffee ist es gut auszuhalten. Meine Schwester sieht Frau Migräne sogar nur alle paar Jahre. Dafür wird sie von ihr stürmisch umarmt und findet dank Kreislaufkollaps und kurzzeitiger Beinahe-Erblindung den Weg vom Büro nach Hause nicht mehr.

Ich habe hin und wieder Migräne, so etwa einmal im Monat. Wenn ich schwanger bin, trifft es mich hingegen öfters. Der absolute Worst Case fand in den ersten Wochen statt, als es mir sowieso schon furchtbar übel war und ich nur über der Schüssel hing. Da saß Frau M. dauernd an meinem Bett und zog mir alle paar Minuten ihren Gummi-Hammer über. Dabei lachte sie hämisch und wedelte mit meinen Triptanen, einem starken Migräne-Schmerzmittel, die man schwanger nicht nehmen darf.

Meine kleine Tochter Luise, ein sehr mitfühlendes Kind, schaut oft schief, wenn ich auf dem Sofa liege. „Hattu Kopfschmerzen?“ fragt sie dann, und holt mir schnell eine Tüte Erbsen aus der Tiefkühltruhe. Mich beschäftigt, ob ich einem meiner Kinder dieses nervige Leiden vererbt habe. Und das tut mir jetzt schon leid.

Für alle armen Mamas, die wie ich hin und wieder Besuch von der alten Dame mit dem schlecht klingenden Namen bekommen, habe ich folgende Tipps, die sich bei mir bewährt haben, und die für leichte Besserung sorgen können:

  • ein starker Espresso mit etwas Zitronensaft wirkt manchmal Wunder. Genauso eine Dusche, eine Massage der schmerzenden Stellen oder Pfefferminzöl auf den Schläfen. Und dann, soweit es möglich ist, mit einem eisgekühlten Kissen ab ins Bett! Da dies mit Kindern meist nicht geht, alle Pflichten im Schneckentempo erledigen, den Kinder erklären, was los ist und dass sie sich keine Sorgen machen müssen. Zur Not den Fernseher anschalten und Fünfe gerade sein lassen.
  • Langfristig hilft Ausdauersport wie Joggen, Schwimmen oder Fahrradfahren. Am besten an der frischen Luft. Und eine Stärkung der Nackenmuskulatur. Dafür gibt es schon leichte Übungen, die auch am Schreibtisch in fünf Minuten gemacht sind. Hauptsache, regelmäßig!
  • Im Alltag immer mal wieder entspannen: Progressive Muskelrelaxation, Yoga, Meditieren oder was auch immer euch Spaß macht.

Zur Bloggerin: Laura lebt mit Mann und zwei Kindern (vier und zwei Jahre alt) in der Nähe von Stuttgart und schreibt sowohl privat als auch beruflich, und das mit großer Leidenschaft. Auf ihrem Blog Heute ist Musik berichtet sie aus dem lustigen und verrückten Alltag mit zwei Kleinkindern und versucht dabei, die Lachmuskeln möglichst vieler Eltern zu trainieren. Im Mai kommt Kind Nummer drei auf die Welt, dann wird der Alltag mal wieder komplett durcheinander gewirbelt und Laura ist gespannt, ob es dann noch mehr zu Lachen gibt.

2 Kommentare bei „Gastpost: Mein Leben mit Migräne“

  1. Ich hatte auch jahrelang Migräne im Studium, immer am Wochenende, Samstag links, Sonntag rechts oder umgekehrt, mit dem ganzen PiPaPo.
    Dann habe ich Akupunktur versucht – auch, wenn ich an die Wirkung nicht glaubte und der Arzt ehrlich zugab, dass er das zwar in China gelernt, aber keine Ahnung habe was wirklich passiert.
    8 Sitzungen hatte ich, er warnte, nach 2 Jahren müsse ich vermutlich wiederkommen.
    So war es auch, ich war 2 Jahre komplett migränefrei, hatte nach der ersten Migräne 4 weitere Sitzungen und seitdem nie.wieder.Migräne.
    Seitdem = seit über 20 Jahren!
    Vielleicht eine Möglichkeit? Alles Gute, Iris

  2. Ich kenne diese Migräne, wie du sie beschreibst, genauso. Leider helfen Hausmittelchen wie Espresso überhaupt nicht und die üblichen Schmerzmittel auch gar nicht. Da müssen schon spezielle Migräne Medikamente, Triptane, her, die dann in der Regel auch helfen. Trotzdem spüre ich die Migräne wie hinter einer Wattewolke, nur habe ich keine Schmerzen. Weder Akupunktur noch andere Dinge konnten helfen. Bei mir scheint es hormonell bedingt zu sein. Unter der Pille hatte ich teilweise 10-14 Tage IM MONAT Migräne. In der Schwangerschaft wurde es ab der zweiten Schwangerschaftshälfte schlagartig sehr viel besser. Aktuell ohne Hormone habe ich zwar ab und an mal Kopfschmerzen, aber die meist, wenn ich zu wenig trinke und die sind mit regulären Schmerzmitteln wie Ibu in den Griff zu kriegen.

    LG, Tine

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Gastpost: Mein Leben mit Migräne

Mein Leben mit Migräne Kinder und Kopfschmerzen Runzelfuesschen Elternblog

Vor Kurzem habe ich dazu aufgerufen, dass Eltern mir (und euch natürlich!) von ihrem Leben mit Kind und Kopfschmerzen berichten mögen. Und ich freue mich sehr, dass die liebe Frau Rabe als Allererste zugesagt und mir einen Text geschickt hat. Was ich daran beeindruckend finde: Sie kennt beide Seiten. Sie weiß wie es ist, wenn die Mama Migräne hat und wie sich das als Kind anfühlt. Und nun, selbst Mutter, ist sie auch von den fiesen Kopfschmerzen betroffen. Ich bin ihr für ihren Gastpost sehr dankbar, auch, weil ich ihren schönen Blog auf diese Weise kennen lernen durfte.
Wenn ihr mir auch über euer Leben als Eltern mit Kopfschmerz berichten möchtet, dann meldet euch gern unter hallo at runzelfuesschen punkt de

Nun aber hat Frau Rabe das Wort!

Meine Mutter hat Migräne

Seit ich denken kann, geht es meiner Mutter manchmal sehr schlecht. Sie liegt dann im dunklen Schlafzimmer und versucht zu schlafen, aber oft geht das nicht, weil ihr so übel ist und sie brechen muss. Manchmal weint sie vor Schmerzen, das heißt eigentlich wimmert sie nur, weil echtes Weinen zu viel Kraft verlangen würde. Erst wenn sie starke Medikamente genommen hat, geht es besser, dafür ist sie dann so müde, dass sie oft den Rest des Tages und die Nacht darauf komplett verschläft.
Meine Mutter hat Migräne. Was das heißt, verstehe ich erst so richtig, seit ich selber Migräne habe.

Schlimme Kopfschmerzen und Kinder die spielen wollen

Dass die Schmerzen so groß sind, dass man sich auch einen Schraubenzieher in die Schläfe rammen würde, wenn man ausreichend glaubhaft versichert bekommt, dass das hilft. Ich habe mich schon oft gefragt, wie viele Menschen eigentlich schon während der Schmerzphase eines Migräneanfalls aus dem Fenster gesprungen sind. Am schlimmsten ist die Migräne jedoch, wenn man Kinder hat, nicht weil die Kinder die Schmerzen verschlimmern, sondern weil man noch irgendwie funktionieren will oder sogar muss. Wenn man keine Kinder hat, legt man sich bei einem Migräneanfall ins Bett, nimmt Medikamente und wartet bis es vorbei ist. Möglicherweise muss man sich bei der Arbeit krank melden, aber das wars auch. Kinder muss man vielleicht irgendwo abholen (wo es laut ist), dann muss man den Kindern essen machen (während einem total übel ist), Kinder wollen  trotzdem mit einem spielen oder man hat versprochen, noch Vokabeln zu üben.

Tabletten, Kinder und Migräne

Meine Mutter musste oft funktionieren, sie war alleinerziehend mit zwei Kindern. Heute kenne ich ihre Technik, weil ich sie selber manchmal anwende: Beim ersten Anzeichen einer Migräneattacke schon Schmerzmittel einwerfen, aber keine, die einen richtig aus den Latschen hauen. Hausmittel anwenden (Schwarzer Kaffee, Pfefferminzöl auf die Schläfen, Akupressur, was auch immer einem hilft). Hält man sich dann noch vor Augen, dass es irgendwie gehen muss, bis die Kinder im Bett sind oder eine alternative Betreuung verfügbar ist, hält sich die Migräne bei mir und meiner Mutter solange zurück, bis alle anderen sicher versorgt sind. Und dann kommt sie mit voller Wucht, da braucht man dann gar nichts anderes mehr machen als sich hinlegen. Und wimmern.

Selbstfürsorge lernen

Dieses die eigenen Bedürfnisse ignorierende Verhalten habe ich von meiner Mutter gelernt. Das ist gleichzeitig auch das einzige, was ich im Nachhinein betrachtet an der Migräne meiner Mutter wirklich blöd finde. Natürlich war ich als Kind manchmal genervt, wenn meine Mutter nicht spielen wollte. Oder sie uns zu meinen Großeltern schickte, damit wir da Abendbrot essen konnten, damit sie nicht auch noch kochen musste. Aber ich wusste ja, meine Mama ist jetzt gerade krank, morgen ist sie wieder gesund. Es ist nichts schlimmes, nur Migräne. Als erwachsene Frau aber, die selbst Migräne und zwei kleine Kinder hat, finde ich es sehr schade, dass ich keine Selbstfürsorge von meiner Mutter gelernt habe.

„Migräne- Basics“ fürs Leben mit Kind

Die absoluten „Migräne-Basics“ habe ich nicht vorgelebt bekommen, sondern musste sie dann später richtig gehend lernen: regelmäßig essen, regelmäßig und ausreichend schlafen, ausreichend trinken, Stress vermeiden. Manches schaffe ich bis heute nicht konsequent, manches ist auch durch das Mutter-sein mehr oder weniger unmöglich (Stichwort Schlaf). Trotzdem hoffe ich, dass meine Kinder von mir weniger funktionieren-müssen und mehr Selbstfürsorge erleben. Und am allermeisten hoffe ich, dass keins meiner Kinder je Migräne bekommt.

Liebe Frau Rabe, danke für deine Offenheit. Und ich drücke dir die Daumen, dass deine Kinder verschont bleiben. Lass uns einander auf die Fürsorge achten!

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